Kunstprojekt colossal am Start
Internationale Künstler haben im Osnabrücker Land erste Ideen gesammelt 
 
Das waren keine beliebigen Besuchergruppen, die an einem Mai- bzw. Juliwochenende in Museum und Park Kalkriese sowie auf großer Rundfahrt zwischen Bad Essen, Bramsche und Osnabrück unterwegs waren. Gemeinsam mit insgesamt einem Dutzend Künstlerinnen und Künstlern bereiste Jan Hoet, einstiger documenta-Chef, die Region – dabei stets sowohl das Thema Varusschlacht als auch die unterschiedlichsten Standorte im Blick.


Auftakt zu einer intensiven Auseinandersetzung

Die Treffen, an denen Künstler u. a. aus Belgien, Bulgarien, China, Deutschland, Italien, Mexiko und Portugal beteiligt waren, bildete den Auftakt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Visualisierungs- und Intervenierungsmöglichkeiten, an deren Ende ein Kunstprojekt stehen wird: colossal, ein Vorhaben des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land (in Kooperation mit Museum und Park Kalkriese). Als künstlerischer Leiter steht Jan Hoet, gemeinsam mit dem Kurator Lorenzo Benedetti, zur Verfügung. Dass der Anlass, das Thema und die damit verbundenen Möglichkeiten für ein Kunstprojekt ihn reizen und überzeugen, machte Hoet von Anbeginn deutlich.

Jan Hoet (Mitte) vertieft sich in das Konzept. Mit ihm im Gespräch: Lorenzo Benedetti (Kurator), Susanne Tauss (Landschaftsverband), Helmut Kemper (Varusschlacht), Christiane Wagner (Stadtmarketing Bramsche).

Jan Hoet und Fernando Sánchez Castillo im Gespräch.


Ziel des Vorhabens

Ziel des Vorhabens ist eine Kunstroute, die – so Hoet – als organisches Ganzes entlang dem Wiehengebirge entwickelt wird. Auf dieser Linie bewegte sich vor 2000 Jahren auch der unglaublich lange römische Heereszug, auf jenem schmalen Pfad nämlich, der den drei Legionen des Varus blieb, um sich einigermaßen trockenen Fußes zwischen feuchten Hängen und unberechenbarem Moor fortzubewegen. In welchem Maße dieser Umstand den auf sie wartenden Germanen in die Hände spielte, konnten sie nicht ahnen.


Schauplatz und Aufhänger für das Projekt: Die Varusschlacht

Einen Tag lang widmeten sich die ersten Künstlerinnen und Künstler des Projektes colossal gemeinsam mit Jan Hoet den historischen Fakten, zu denen Museumsleiterin Heidrun Derks fundiert Auskunft gab. Zwar waren alle Beteiligten inhaltlich bereits gut vorbereitet, doch um langfristig ortsspezifische künstlerische Arbeiten entwickeln zu können, sind der Augenschein und intensive räumliche wie atmosphärische Erfahrungen unabdingbare Voraussetzungen. So war es auch nur konsequent, die Künstlerinnen und Künstler zuerst mit jenem Schauplatz vertraut zu machen, der mit dem inhaltlichen Aufhänger für das Projekt untrennbar verbunden ist: dem Ort und dem Topos der Varusschlacht. Der archäologische Park in Kalkriese wird mittels der geplanten künstlerischen Interventionen erstmals auf gänzlich neue Weise erfahrbar gemacht, da er eine neue und ungewohnte Sicht auf die archäologische Präsentation ermöglichen wird.

Museum und Park Kalkriese waren die ersten Stationen des dreitägigen Künstlertreffens.


Varusschlacht – Spuren und Geschichtsbilder

Denn eines ist sicher: die Varusschlacht hat im kollektiven deutschen Gedächtnis weit verzweigte Spuren hinterlassen, hat Geschichtsbilder geprägt, wurde als Argument für nationales Selbstverständnis benutzt und war Stoff für vielfältige Mythen von Heldentum, Verrat und Untergang. Die Varusschlacht wurde damit geradezu ein Paradebeispiel für prächtiges Gedeihen von Geschichtsbildern, hinter denen der faktische Kern zu verschwinden droht. Hier kritisch anzusetzen, ist nicht nur Aufgabe gestrenger Wissenschaft, sondern auch und gerade von bildender Kunst – denn sie hat dazu ganz andere Mittel bereit, darf parteiisch sein, spielerisch, verstörend. So bietet sie ein eigenes „Observatorium“ (Hoet) zur Überprüfung unserer Wahrnehmung und unserer Positionen. Ein solches Observatorium wird mit colossal geschaffen.

Blick vom Germanenwall: Jan Hoet (l) mit Helmut Kemper vom Museum und Park Kalkriese.


Alte Bauernhöfe als "Bastionen"?

Hierzu gehören – und das ist eine Besonderheit des Projektes – alte Bauernhöfe der Region, welche als dezentrale Standorte einen weiteren Aspekt zum Oberthema Varusschlacht liefern: Welche Rolle hatten und haben Höfe in der materiellen Grundversorgung? Welchen Stellenwert haben sie angesichts von Bedrohung? Werden sie zu „Bastionen“ materiellen und ideellen Schutzes? In welchem Maße dieser Ansatz des Gesamtkonzeptes positiv aufgeht, wurde bereits deutlich. Jan Hoet sah sich durchweg darin bestätigt, dass seine Idee richtig war: Durch die Einbeziehung von Bauernhöfen in der heute vorrangig landwirtschaftlich geprägten Umgebung im Norden von Osnabrück eröffnen sich Wahrnehmungsweisen, die bislang in dieser Form weder möglich noch im Kontext von Kalkriese vorstellbar waren. Doch zuvor hat sich der Funken der einzelnen örtlichen Situation auf die Künstler zu übertragen. Dass dies mitunter beim ersten Augenschein gelang, zeigten bereits die angeregten Gespräche der Künstler, ihre Fragen nach konkreten Installationsmöglichkeiten oder nach in der Region verfügbaren Materialien. Die eigentliche gedankliche und praktische Arbeit wird in den nächsten Monaten erfolgen. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.

Von den Gedenktafeln auf dem Hof Bünte in Venne ließen sich Rui Chafez, Heinrich Brummack und Slava Nakovska (v.l.) anregen.

Dolmetscherin Zhang, Susanne Tunn und Yue Minjun im Außenbereich des TuchmacherMuseums Bramsche.


An den Workshops beteiligte Künstler/innen

  • Massimo Bartolini, Italien
  • Katinka Bock, Frankreich/Deutschland
  • Heinrich Brummack, Deutschland
  • Rui Chafez, Portugal
  • Wim Delvoye, Belgien
  • Anna Lange, Niederlande
  • Slava Nakovska, Bulgarien
  • Fernando Sánchez Castillo, Spanien/Niederlande
  • Susanne Tunn, Deutschland
  • Yue Minjun, China

Erinnerungsfoto auf dem Iburgshof in Belm: (vl)Heinrich Brummack, Lorenzo Benedetti, Wim Delvoye, Susanne Tunn, Slava Nakovska, Jan Hoet, Susanne Tauss, Rui Chafez, Insa Raabe-Jost, Wolf Jost.


Am Projekt colossal beteiligte Künstler/innen

  • Massimo Bartolini, Italien
  • Katinka Bock, Frankreich/Deutschland
  • Bazon Brock, Deutschland
  • Heinrich Brummack, Deutschland
  • Pedro Cabrita Reis, Portugal
  • Rui Chafez, Portugal
  • Wim Delvoye, Belgien
  • Fabrice Gygi, Frankreich
  • Wilfried Hagebölling
  • Anna Lange, Niederlande
  • Hans Lemmen, Niederlande
  • Ives Maes, Niederlande/Belgien
  • Aurelia Mihai, Rumänien
  • Slava Nakovska, Bulgarien
  • Dennis Oppenheim, USA
  • Anette Rose, Niederlande
  • Fernando Sanchéz Castillo, Niederlande
  • Andreas Slominski, Deutschland
  • Susanne Tunn, Deutschland
  • Yue Minjun, China

Stand: 17.03.2009


Hauptförderer

Das Projekt COLOSSAL wird maßgeblich von den VGH Versicherungen und der Kulturstiftung des Bundes gefördert, denen wir herzlich danken.




Informationen

Weitere Informationen zum Projekt colossal erhalten Sie unter T 0 54 03 / 7 24 55-0 oder info@lvosl.de.


 
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