Miteinander leben?
Reformation und Konfession im Fürstbistum Osnabrück 1500-1700 
 
Wie kam es im einstigen Fürstentum Osnabrück zu einer gemischtkonfessionellen Gesellschaft? Gingen die Konfessionen stets friedlich miteinander um? Wie vollzog sich die Reformation in dieser Region, und wie lauteten die Antworten der katholischen Seite darauf? Diesen und vielen weiteren Fragen geht vom 3. bis 5. März 2016 eine Tagung des Landschaftsverbandes nach. Gemeinsam mit zahlreichen Kooperationspartnern werden an St. Marien in Osnabrück insgesamt 18 Vorträge unter dem Titel „Miteinander leben? Reformation und Konfession im Fürstbistum Osnabrück 1500-1700“ zu hören sein. Ein öffentlicher Abendvortrag sowie ein Konzert runden das vielfältige Programm ab.


Eine Frage und viele erwartete Antworten

Ein Fragezeichen gleich in einem Titel – und zudem bezogen auf eine landesgeschichtliche Tagung – lässt Spannendes erwarten. Soviel vorweg: Dieses Versprechen wird mit Sicherheit eingelöst. Raum für neue Erkenntnisse und den fachlichen Austausch bietet die gleichlautende Tagung, die der Landschaftsverband Osnabrücker Land vom 3. bis 5. März 2016 im Gemeindehaus der Marienkirche in Osnabrück veranstaltet.

Gemeinsam mit dem Landesarchiv Osnabrück, dem Diözesanmuseum Osnabrück sowie der Universität Osnabrück, die gleich mit drei Fächern (Ev. Theologie, Geschichte der Frühen Neuzeit und Kunstgeschichte) vertreten ist, wurde das Vorhaben mit Blick auf 2017 frühzeitig vorbereitet. Es verspricht zahlreiche neue Erkenntnisse in die Osnabrücker Landesgeschichte und ihre Besonderheiten. So beschäftigen sich in insgesamt 18 Vorträgen Forscherinnen und Forscher der verschiedensten Disziplinen mit den Ursachen, Ausprägungen und Folgen, die die neue Lehre Martin Luthers im Osnabrücker Land hatte.

Dabei stellt das ehemalige Fürstbistum Osnabrück einen Sonderfall dar: Im Unterschied zu den konfessionell einheitlichen Territorien im Alten Reich (ab 2. Hälfte 17. Jh.) lässt sich hier keine klare Zuordnung – katholisch oder lutherisch – vornehmen.
Logo 500 Jahre Reformation Region Osnabrück

Die Tagung bildet zugleich den Auftakt zu einem großen Bündel von Veranstaltungen, die unter dem Titel „500 Jahre Reformation Region Osnabrück“ in den Jahren 2016 und 2017 durchgeführt werden.

Tagung "Miteinander Leben?" | Kanzel mit Fides St Nikolai Bad Essen
"auf dass mein Mund deinen Ruhm verkünde" - die Kanzel als Ort der lutherischen Verkündigung, hier mit der Figur des Glaubens (Fides) im Zentrum (St. Nikolai Bad Essen).
Foto: LVO


Konfessionelle Unklarheit

Nachdem Bischof Franz von Waldeck die 1543 von ihm eingeführte Reformation 1548 zurücknehmen musste, kam es in der Folge erstaunlicher Weise zu keiner durchgreifenden Rekatholisierung. Das Domkapitel, formal eher katholisch orientiert, wählte aus politischen Gründen evangelische Bischöfe, deren Hauptanliegen nicht zwingend ein konfessionell geschlossenes Territorium war. Dieser uneindeutige Zustand lässt sich deutlich auf Ebene der Kirchspiele beobachten: Hier waren unterschiedlichste Ausprägungen religiösen Lebens möglich. Auch die Geistlichen selbst trugen dazu bei, indem sie Elemente beider Konfessionen mischten. So waren beispielsweise Pfarrer, die sich selbst als katholisch bezeichneten, häufig verheiratet oder lebten im Konkubinat mit ihrer Haushälterin. Und im Gottesdienst selbst mischten sich oftmals Elemente des katholischen und evangelischen Ritus‘.

Franz von Waldeck | Porträt Rittersaal Iburg
Franz von Waldeck, Porträt im Rittersaal der Residenz Iburg.
Foto: Staatliches Baumanagement Osnabrück-Emsland


Friedliches und unfriedliches Miteinander

Entsprechend vielfältig waren auch die Formen des Zusammenlebens der Gläubigen. In zahlreichen Gemeinden existierten die Konfessionen mehr oder weniger friedlich nebeneinander. Die Mehrheit achtete in der Regel darauf, die Minderheit nicht über Gebühr zu bedrängen und offene Konfrontationen zu vermeiden. Daneben freilich gab es Fälle, bei denen Vertreter der jeweils anderen Konfession auf Ablehnung oder Gegenwehr stießen. Die Fürstenauer wählten beispielsweise eine besondere Form des passiven Widerstands, indem Ostern 1625 einfach kein einziger Einwohner zur Kommunion ging. Gelegentlich kam es durchaus zu Handgreiflichkeiten: So wurde etwa der katholische Pfarrer in Neuenkirchen (Amt Gröneberg) beim Versuch, nach neun Jahren wieder einen Gottesdienst abzuhalten, von den evangelischen Nachbarn mit Steinen beworfen.


Einigung durch Kompromiss

Anders als etwa im benachbarten Emsland blieb die konfessionelle Gemengelage im Fürstbistum Osnabrück bis zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs bestehen. Die Konfessionskämpfe endeten hier mit einem Patt. Entsprechend schwierig war es bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden, ein alle Parteien zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Die Kompromisslösung, die 1650 in Nürnberg getroffen wurde, die so genannte „Immerwährende Kapitulation“ (Capitulatio perpetua) legte schließlich fest, dass der konfessionelle Stand der Kirchspiele wieder in der Form hergestellt werden sollte, wie er am 1. Januar 1624 existiert hatte. Die Konsequenz war, dass von 53 Pfarreien 28 katholisch und 17 evangelisch wurden. Acht wurden doppelpfarrig, d. h. in ihnen gab es sowohl altgläubigen als auch lutherischen Gottesdienst. Dies hatte zum Teil kuriose Folgen: In Badbergen etwa, wo sich Katholiken und Evangelische die Kirche teilten (Simultankirche). Bis 9 Uhr morgens und dann wieder ab 15 Uhr war sie für die Katholiken frei; zu den anderen Zeiten für die Protestanten. Damit nicht genug – man benutzte gemeinsam den vorhandenen Taufstein, vermied es aber tunlichst, das unterschiedliche Taufwasser (dem katholischen ist Salböl beigegeben) zu mischen. So teilte man schlichtweg das Becken durch eine Metallplatte in zwei Hälften, und beide Seiten waren es zufrieden.


Tagung "Miteinander Leben?" | Taufstein St. Georg Badbergen
Geteilter Glaube - geteilter Taufstein: Die Kirche St. Georg in Badbergen wurde ab 1650 von Katholiken und Lutheranern gemeinsam genutz, so auch der Taufstein. Die Badberger Taufschale weist heute noch die Spuren ihrer einstigen Teilung auf - katholisches und lutherisches Taufwasser wurden nur getrennt verwendet.
Fotos: LVO


Missverhältnisse

Andere Folgen des Westfälischen Friedens waren da schon drastischer: Wurde ein Kirchspiel eindeutig einer der beiden Konfessionen zugeordnet, so stimmte das nicht immer mit der aktuellen Realität überein: Schledehausen etwa wurde dem alten Glauben zugeschlagen, obwohl die Zahl der 1650 dort lebenden Katholiken unter fünf Prozent lag. Die zahlenmäßig weit überlegenen Protestanten durften daraufhin die Dorfkirche nicht für ihren Gottesdienst nutzen und mussten den Weg zur Kapelle der Schelenburg auf sich nehmen. Erst 1786 waren die Verhandlungen zwischen den Konfessionen so weit gediehen, dass tatsächlich beide Glaubensvertreter die Schledehausener Kirche gemeinsam nutzen durften. Bis dies gelebte Realität wurde, vergingen allerdings wieder fast zwanzig Jahre.

Tagung "Miteinander Leben?" | Altar Schledehausen
In Schledehausen wurde der alte Altar mit dem heiligen Laurentius der Einfachheit halber ab 1786 von beiden Konfessionen gemeinsam genutzt.
Foto: LVO


Sonderfall Osnabrück

Für die Besetzung des zwischen Katholiken und Protestanten umstrittenen Osnabrücker Bischofstuhls schließlich fand man eine Regelung, die reichsweit absolut einmalig war: Die Immerwährende Kapitulation bestimmte, dass auf einen katholischen Bischof nach dessen Ausscheiden stets ein protestantisches Mitglied aus dem Haus der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg nachfolgen sollte. Diese so genannte Alternative Sukzession blieb ebenso wie die übrigen Bestimmungen der Immerwährenden Kapitulation im Wesentlichen bis zum Ende des Alten Reiches 1803 in Kraft und sollte das politische, kulturelle und soziale Geschehen in der Stadt und in der Region nachhaltig beeinflussen.

Tagung "Miteinander Leben?" | Inschriftenstein St. Petri Melle
Nur die "reine evangelische Lehr" soll laut Inschriftenstein in St. Petri (Melle) "erschallen", wie es die Capitualtio als Konfessionsverfassung seit 1650 im Osnabrücker Land vorschrieb.
Foto: LVO


Informationen zu Tagung und Begleitprogramm

Miteinander leben?

Reformation und Konfession im Fürstbistum Osnabrück 1500-1700

Tagung vom 3. bis 5. März 2016, Osnabrück, Gemeindesaal St. Marien

Das gesamte Tagungsprogramm finden Sie als pdf-Datei hier.


Schirmherrin

Dr. Gabriele Heinen-Kljajić

Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur


Begleitprogramm

Öffentlicher Abendvortrag, Donnerstag, 3. März 2016, 19 Uhr, Kirche St. Marien
„Den anderen aushalten. Bikonfessionalität als Folge der Reformation“
Prof. Dr. Volker Leppin, Universität Tübingen

Konzert, Freitag, 4. März 2016, 20 Uhr, Kirche St. Marien

KONTRAPUNKTE

Johann Sebastian Bach im Spiegel der Moderne

Ensemble Horizonte, Leitung: Dr. Jörg-Peter Mittmann


Anmeldung

„Miteinander leben? Reformation und Konfession im Fürstbistum Osnabrück 1500-1700“
Tagung, 3. bis 5. März 2016

Beginn: Donnerstag, 3. März 2016, 13 Uhr, Ende: Samstag, 5. März 2016, 13.45 Uhr
Ort: Gemeindehaus St. Marien, An der Marienkirche 6-9, 49074 Osnabrück

Anmeldung bitte an: Landschaftsverband Osnabrücker Land e. V., Schloss Iburg – Hofapotheke, 49186 Bad Iburg. Email: info@lvosl.de.

Bankverbindung:

Überweisung des Teilnahmebeitrags bzw. des Konzerteintritts auf das Konto des Landschaftsverbands Osnabrück e. V.: IBAN DE05265501050000541458, Sparkasse Osnabrück

Kostenbeitrag

Teilnahme an der gesamten Tagung 40 Euro (ohne Konzert). Darin enthalten sind Getränke sowie Mittags- und Abendimbisse. Die nur zeitweise Teilnahme kostet 15 Euro pro Tag. Für angemeldete Teilnehmer der Tagung gilt ein ermäßigter Eintrittspreis für das Konzert (10 Euro).


Anmeldungsschluss

10. Februar 2016


Förderer und Kooperationspartner

Wir danken folgenden Partnern für die Förderung:


Logo Jobcenter Osnabrück


Landschaft des ehemaligen Fürstentums Osnabrück


Logo MWK


VGH Versicherungen



Logo VGH-Stiftung


Ein Projekt des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e. V. in Kooperation mit:

Bistum Osnabrück, Diözesanmuseum

Ev.- Luther. Kirchengemeinde St. Marien Osnabrück

Ev.-Luther. Kirchenkreisverband Stadt und Landkreis Osnabrück

Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Osnabrück

Universität Osnabrück – Historisches Seminar, Interdisziplinäres Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit, Institut für Evangelische Theologie, Kunsthistorisches Institut