Ein besonderes Geschenk macht der Historiker Udo Thörner dem Dorf Venne (Gemeinde Ostercappeln) im Osnabrücker Land: In langjähriger Arbeit recherchierte er mit Unterstützung seiner Frau Doris den Verbleib von Einwohnern, die im 19. Jahrhundert aus Venne in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert waren. Was er bei seiner Arbeit über die Schicksale der Auswanderer erfuhr, stellte er Anfang Mai 2008 als Publikation vor: “Venne in Amerika – die Geschichte der USA-Auswanderung aus einem niedersächsischen Dorf im 19. Jahrhundert“.
Gründe für die Auswanderung Ein Ausweg aus den herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen sei die Auswanderung gewesen, konstatiert Ortsbürgermeister Jürgen Gahbler in seinem Grußwort. „Armut war die Triebfeder für die Auswanderungswelle“, verdeutlicht Udo Thörner weitaus pragmatischer den einzigen Beweggrund für die 2.000 Auswanderer, die das kleine Dorf Venne im 19. Jahrhundert in Richtung der Vereinigten Staaten verließen. Die Wege der Auswanderer Thörner schildert in seinen Erläuterungen zur Entstehung der Publikation die Widrigkeiten, mit denen die Auswanderungswilligen zu kämpfen hatten, bevor sie amerikanischen Boden betreten konnten. Deutschland bestand aus zahlreichen kleinen Territorien, zwischen denen ein Grenzübertritt nur mit einer gültigen Reiseerlaubnis möglich war. Die Beschaffung von Pässen war damals ein mühseliges und kostspieliges Unterfangen. Heute profitiert die Geschichtsforschung jedoch von dieser Regelung, zeichnen doch die erhaltenen Reisedokumente in ihrer Ausführlichkeit (Gesicht: spitz, Statur: gedrungen… spricht Hochdeutsch) nur zu genaue Bilder von den Auswanderern, die meist aus den ärmsten Schichten der Bevölkerung stammten.
Über Bremerhaven, wo sie an Bord von Segel- und Dampfschiffen gingen, reisten die ehemaligen Venner und Vennerinnen einem ungewissen Schicksal entgegen. Klar war eigentlich nur, dass sie zu ca. 50 Prozent zunächst in Cincinnati landen würden, das sie, gleichfalls per Schiff, auf dem Ohio erreichten. 339 Venner blieben laut Statistik dort, der Rest bemühte sich weiter westwärts in andere Städte wie St. Louis, siedelte in kleinen Ortschaften oder gründete eigene Farmen. | | Jürgen E. Niewedde sprach bei der Buchpräsentation ein Grußwort für die Mitförderer Heimatbund OSnabrücker Land und Heimatverein Venne. Rechts der Autor Udo Thörner. Fotos: Rita Kröger | Vorgehensweise des Autors Ausgangsbasis für Thörners Arbeiten war die Auswertung des Venner Kirchenbuchs von 1822 bis 1852. Es enthielt eine Auswandererliste, erstellt und laufend fortgeführt von dem damaligen Pastor Zacharias Stüve. Daneben stützte sich der Autor auf die heute im Niedersächsischen Staatsarchiv verwahrten Listen und Vermerke über die Venner Auswanderer. Über 80 Prozent der in den Unterlagen verzeichneten Personen konnten Doris und Udo Thörner in den USA nachweisen. Hilfreich waren wiederum Kirchenbücher verschiedener Gemeinden, aber auch Todesanzeigen in deutschsprachigen Zeitungen sowie eigene Recherchen auf alten Friedhöfen – anders als in Deutschland werden Gräber in den USA nicht nach 30 Jahren abgeräumt. Als reichste Quelle für Thörner erwiesen sich jedoch die Gespräche mit den Nachfahren der Auswanderer dar, sei es mit den daheim gebliebenen oder auch den amerikanischen Familienangehörigen. Fachmännische Bewertung der Publikation Die präzise Verbindung von methodischer Vorgehensweise und „narrativer Geschichtsforschung“ macht Thörners Arbeit zum Musterbeispiel für wissenschaftliche Arbeit ohne universitären Hintergrund, formulierte Dr. Wolfgang Grams in seiner Bewertung der Thörnerschen Arbeit. Grams ist Inhaber eines privatwirtschaftlich geführten, aus einem Hochschulprojekt zur Auswanderung hervorgegangenen Unternehmens. Er lobte die von Thörner geführten narrativen Interviews, die eine Vielzahl von Daten zum Vorschein gebracht hätten. Die Verbindung von historischen Fakten mit Lebensgeschichten lasse eine emotionale Vernetzung zwischen Leserschaft und Thematik entstehen. „Venne in Amerika“ sei „ein tolles Beispiel regionaler Geschichtsschreibung“, so Grams wörtlich. Herausgeber Der Arbeitskreis Familienforschung Osnabrück e. V. als Herausgeber erwartet, dass das Buch sowohl bei Familienforschern als auch bei Interessierten der Regionalgeschichte des Osnabrücker Landes großen Anklang findet. Da der Verein ebenso wie der Autor über gute Kontakte in die USA verfügt, ist ein Teil der Auflage für den amerikanischen Markt bestimmt und erscheint in englischer Sprache.
Der Verein konzentriert sich in seiner Arbeit auf die Erforschung von Personen, Familien, Geschlechtern und sozialen Schichten in der Region Osnabrück und deren Bezug zur allgemeinen Geschichte, auf die Volkskunde und auf die Kultur. Diese Aufgaben erfüllt er insbesondere durch Sammeln, Sichern und Veröffentlichen von Quellen und Arbeiten aus dem Gebiet der Genealogie, durch Vorträge, Beratung der Mitglieder und Vermittlung von Fachkräften für Einzelforschungen. Der Arbeitskreis unterhält eine Geschäftsstelle und ein Archiv mit Vereinsbücherei sowie verschiedenen Sammlungen.
Weitere Informationen über den Arbeitskreis Förderung der Publikation | | Susanne Tauss als Geschäftsführerin des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land betonte die Bedeutung der Publikation für die regionale Auswanderungsgeschichte. | „Der Mensch ist an sich ein Wanderwesen!“, konstatierte Dr. Susanne Tauss, Geschäftsführerin des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e. V. (LVO) in ihrem Grußwort zur Buchpräsentation. Die Publikation trage dieser Tatsache in einer spezifischen Ausprägung Rechnung und sei ein wichtiger Baustein zur Auswanderungsgeschichte der Region. Dieser habe sich der Landschaftsverband bereits mehrfach in Projekten gewidmet.
Nachdem das Fachgremium des LVO das vorgelegte Manuskript als fundiert und ausgezeichnet recherchiert beurteilt hatte, unterstützte der Verband die Publikation mit einer Förderung in Höhe von 1.100 €.
Auf Grund der großen Nachfrage hat der Arbeitskreis Familienforschung mittlerweile die zweite Auflage drucken lassen. Informationen Udo Thörner
Venne in Amerika – die Geschichte der USA-Auswanderung aus einem niedersächsischen Dorf im 19. Jahrhundert
Osnabrück 2008
ISSN 1619-7739
16,00 Euro
Das Buch ist im Buchhandel oder beim Arbeitskreis Familienforschung Osnabrück erhältlich (Heiner Stegmann, T 0 54 09 / 12 20, Rita Kröger T 0 54 06 / 45 62, oder venne@osfa.de).
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