Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur
beim Landschaftsverband Osnabrücker Land 
 
Seit September 2006 engagiert sich der Landschaftsverband Osnabrücker Land (LVO) fortlaufend als Einsatzstelle für das Freiwillige Soziale Jahr in der Kultur (FSJ). Was die jungen Menschen beim LVO erwartet und was ihnen ein Jahr dort an Erfahrungen bringt, schildert Francisco Vogel, der den LVO als Einsatzstelle gewählt hatte und von September 2008 bis August 2009 in der Geschäftsstelle tätig war.


Warum ein FSJ Kultur?

Die Entscheidung für ein FSJ-Kultur traf ich während meiner Oberstufenzeit. Aufgrund meines Interesses für Kunst hatte ich das Künstlerisch-Musische Profil belegt, mit Kunst als 1. Prüfungsfach.

Auch an einem Kunststudium war ich interessiert, merkte aber nach einem Tag der offenen Tür an diversen Hochschulen und Gesprächen mit Studenten, dass in diesem zwar die künstlerische Theorie und das praktische Arbeiten, nicht aber der Umgang mit dem Kunst- und Kulturbetrieb vermittelt wird.

Weiterhin reifte in mir der Entschluss, nach meinem Abitur zumindest ein Jahr einen Freiwilligendienst abzuleisten, zum einen ob des Sammelns neuer Erfahrungen, vor allem aber weil ich mich in irgendeiner Form für die Gesellschaft engagieren wollte.

Diese beiden Motivationen, das Sammeln von praktischer Erfahrung im Kulturbetrieb und die Freiwillige Arbeit, schienen zunächst nur schwer vereinbar zu sein. Für das Erste wäre ein Praktikum die Wahl gewesen, für das Zweite ein Zivildienst oder ein FSJ.

Dann erfuhr ich glücklicherweise während meiner Recherchen vom FSJ Kultur, das für mich eine optimale Möglichkeit bot, die beiden Ansprüche für die Zeit nach dem Abitur unter einen Hut zu bringen.

Schnell fand ich auch unter den verfügbaren Einsatzstellen meinen Favoriten: Da ich den Kulturbetrieb „von der anderen Seite“ – also nicht von der künstlerischen, sondern von der fördernden Seite – kennen lernen wollte, fiel mir der Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V. (LVO) als Institution der regionalisierten Kulturförderung schnell ins Auge.

LVO-Logo


Der Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V.

Als einer von 13 Landschaften und Landschaftsverbänden obliegt dem LVO seit seiner Gründung im Jahr 1985 die regionale Kulturpflege auf dem Gebiet des ehemaligen Fürstentums Osnabrück, das Stadt Osnabrück und Landkreis Osnabrück umfasst. Tätig wird er dabei auf den Gebieten Kunst, Kultur, Natur und Geschichte, jeweils auf regionaler Ebene, sei es durch eigene Projekte oder die Förderung von Vorhaben Dritter. Dazu trifft ein dreiköpfiger Vorstand Entscheidungen über die Förderungswürdigkeit der eingegangenen Anträge, wobei ihm vier Arbeitskreise für die Sparten „Geschichte/Heimatpflege/Museen“, „Denkmalschutz/Denkmalpflege“, „Naturkunde/Landschaftspflege/Umweltschutz“ und „Bildende Kunst/Literatur/Musik/Theater/Soziokultur“ beratend zur Seite stehen.
Malerisch im Schloss Iburg in Bad Iburg südlich von Osnabrück gelegen organisiert die Geschäftsstelle, meine Einsatzstelle, aus sechs Personen bestehend, sämtliche Arbeiten, also Verwaltung, Förderung und Projekte.

Die Struktur des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land.


Bewerbung

Dank dieser Informationen bereits mit einem vagen Eindruck ausgestattet, fasste ich mir ein Herz, rief beim LVO an und vereinbarte ein Vorstellungsgespräch. Mit diesem Vorstellungsgespräch bekam der LVO mit meinen Gegenübern Frau Dr. Tauss und Frau Gieseke auch ein menschliches Gesicht. Der LVO wurde mir zusehends sympathischer und so freute ich mich sehr, als ich eine Zusage zu der Stelle beim LVO bekam.

So hatte ich schließlich meine Einsatzstelle für mein FSJ Kultur, das ich gleichzeitig als Ersatz für meinen Zivildienst ableisten würde.


Umzug

Bisher in Lingen wohnhaft, stand für mich nun ein Umzug nach Osnabrück an, ich zog in eine WG. Auch hier fühlte ich mich sehr wohl.
Sowohl in meiner WG als auch beim LVO traf ich auf wundervolle Menschen, denen ich ein wundervolles Jahr zu verdanken habe. Und obwohl ich von zu Hause wegzog, fand ich mich doch in zwei neuen Familien wieder, so herzlich wurde ich aufgenommen.

An meinem ersten Arbeitstag war ich hin- und hergerissen: Zum einen war ich aufgeregt und auch ein wenig eingeschüchtert – auf der anderen Seite hatte ich bisher einen sehr positiven Eindruck von den Menschen beim Landschaftsverband. Schon ab der ersten Minute fühlte ich mich in der herzlichen Atmosphäre wohl. Dank der geringen Größe des Landschaftsverbandes – außer mir sind noch fünf weitere Mitarbeiter in der Geschäftsstelle tätig – fiel es mir auch leicht, zu jedem meiner Kollegen eine persönliche Beziehung aufzubauen.

LVO-Mitarbeiter_2009
Meine "neue Familie" beim Landschaftsverband Osnabrücker Land: Monika Schnuck, Joachim Herrmann, Petra Gieseke, Dr. Susanne Tauss, ich selbst und Gabriele Janz (vlnr).


Aufgaben

Bereits mein zweiter Arbeitstag zeigte mir zwei meiner Hauptarbeitsfelder des kommenden Jahres: Am Vormittag eine Pressekonferenz mit Jan Hoet zum Kunstprojekt COLOSSAL, am Nachmittag eine Sitzung eines Arbeitskreises, jener Fachgremien, die mit ihren Empfehlungen für den Vorstand die Förderung von Anträgen mitbestimmen.

Meine Aufgaben in diesem zweiten Themenfeld waren vor allem Zuarbeiten für Frau Janz, die das Förderprogramm betreut. Zum einen die Vorbereitung der Sitzungsunterlagen, wie das Kopieren der Anträge und die Verschickung der Unterlagen an die Gremienmitglieder, die Prüfung der Verwendungsnachweise der geförderten Projekte und die Aktenablage des Förderprogramms. Vor allem letztere beiden Tätigkeiten gaben mir einen höchst interessanten Überblick über die Arbeit des LVO, öffneten sie doch ein Fenster zu den vielen geförderten Projekten.
Dass das Prüfen der Verwendungsnachweise letztendlich nur Nachrechnen der Unterlagen war, störte mich wenig – für mich zählte weniger die Form als der Inhalt meiner Arbeit. Und so war ich eher begeistert davon, die Kataloge vergangener Kunstausstellungen in den Händen zu halten als gelangweilt vom Tippen in den Taschenrechner.

Auch das Beiwohnen in Sitzungen der Arbeitskreise war immer ein Erlebnis und lieferte mir einige Erkenntnisse über die Funktionsweise des Kulturbetriebs.

Mein zweiter regulärer Tätigkeitsbereich war die Buchhaltung bei Frau Gieseke. Nach der Erkenntnis, dass ich sicher kein Naturtalent im Finanzwesen bin, folgte ein langsames Warmwerden mit der Materie – Learning by Doing. Es gab sicher Arbeiten, bei denen ich mich besser und vor allem fehlerloser schlug. Trotzdem versuchte ich immer, das mir mögliche Optimum zu erreichen.

Neben diesen durchgehenden Aufgaben und kleineren überraschenden Abwechslungen arbeitete ich aber auch noch an einer Reihe von Projekten mit. Bereits im September, meinem ersten Monat beim LVO, begannen die Vorbereitungen für die Regionale Bücherbörse für das Osnabrücker Land. Da die Veranstaltung bereits im Oktober stattfinden sollte, hatte ich also wenig Zeit, mich auf das erste größere Projekt einzustellen, doch zusammen mit Frau Janz war die Organisation kein größeres Problem. Da die Bücherbörse jährlich stattfindet, konnte ich bereits auf die bestehenden Akten zurückgreifen, die Bücherbörse ging reibungslos von statten.


Das größte Projekt dieses Jahres beim LVO war COLOSSAL, ein internationales Kunstprojekt. Ende 2008 begannen die Vorbereitungen für COLOSSAL, die schon einige Zeit liefen, immer stärker in den Vordergrund des Arbeitsalltags zu treten. Der Anteil an Zeit und Energie, die wir für COLOSSAL aufwenden mussten, stieg stetig. Bereits um Weihnachten herum nahmen die Arbeiten für COLOSSAL die gesamten Ressourcen des LVO in Anspruch. Die folgenden Monate zeigten jedoch, dass es immer noch anstrengender, turbulenter und unvorhersehbarer wurde. COLOSSAL zehrte sehr an unseren Kräften und obwohl ich begeistert war, an einem solchen Kunstgroßereignis mitzuwirken, war ich – genau wie alle in der Einsatzstelle – mehr als froh, als mit der Eröffnung alles vorüber schien.

Ausgehend von der 2000. Jährung der Varusschlacht fiel der Entschluss, den archäologischen Ausstellungen, die selbstverständlich für einen solchen Anlass sind, eine Kunstausstellung entgegenzustellen. Diese Ausstellung sollte die Wissenschaft dahingehend ergänzen, dass sie einen anderen Blickwinkel auf die Materie zulässt. Als Kurator konnte Jan Hoet gewonnen werden. Geplant war eine Ausstellung von Skulpturen im öffentlichen Raum, bei der zwölf Künstler das Osnabrücker Land bespielen sollten. Aus diesen zwölf Künstlern wurden 20, von denen manche auch mehr als ein Kunstwerk einbrachten. Allerdings wurde die Organisation noch immer hauptsächlich von den sechs Mitarbeitern des Landschaftsverbandes gestemmt, auf der anderen Seite konnte auch das Budget nicht erhöht werden. Zusätzlich sprangen auch noch wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage immer wieder Großsponsoren ab. Alles wurde immer kolossaler.

Dass das Projekt trotzdem zustande gekommen ist, ist allein der unglaublich engagierten Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen beim LVO zu verdanken. In der Zeit vor der Eröffnung arbeiteten alle beim Landschaftsverband unter Aufbietung sämtlicher Kräfte, sodass alles außerhalb von COLOSSAL ins Hintertreffen geriet, wodurch nach der Eröffnung der Stress nicht merklich nachließ. Jetzt stand neben umfangreichen Nacharbeiten zu COLOSSAL noch das Alltägliche an.

buecherboerse_2008
Die Organisation der 8. Regionalen Bücherbörse für das Osnabrücker Land lag zu einem großen Teil in meinen Händen.


Eigenprojekt

Mein Eigenprojekt fand auch im Rahmen von COLOSSAL statt – es führte eben kein Weg an der großen Kunst vorbei. Nach einigen verworfenen Ideen, wie etwa einer CD mit römischer und germanischer Militärmusik, entstand die Idee einer Kooperation mit der Universität Osnabrück und Frau Professor Hergert vom Fachbereich Kunst, mit der wir auch schon in der Ausstellungsreihe Alte Apotheke – Neue Kunst zusammenarbeiteten.
Der Gedanke war, ein Wochenendseminar zum Thema Kunstvermittlung der Werke von COLOSSAL anzubieten. Nach einem ersten Gespräch hatten wir dann ein Konzept: An zwei aufeinander folgenden Wochenenden sollte eine Gruppe aus Studenten und FSJ-Kultur’lern zusammen die Vermittelbarkeit von Kunst im öffentlichen Raum untersuchen. Die Studenten, die ohnehin schon ein fortlaufendes Seminar zum Thema Kunstvermittlung besuchen, hätten die FSJ’ler durch die Ausstellung geführt und über den folgenden Austausch hätten beide Gruppen die Praxis der Vermittlung unter die Lupe genommen und beispielsweise die Unterschiede zur Führung im Museum herausgearbeitet.

Soweit der Gedanke. Leider erfuhr ich nach diesen ersten Grobplanungen, dass die Professorin aus dem Projekt aussteigen musste. Diese Nachricht erreichte mich kurzfristig, nämlich gerade einmal einen Monat vor dem geplanten Termin.
Doch zum Glück übernahm der Doktorand Toni Walz kurzfristig das Projekt auf der Universitäts-Seite. Seine Doktorarbeit beschäftigt sich mit dem Topos Gewalt in ungegenständlicher Kunst – sehr passend für das Konfliktthema von COLOSSAL. Mit ihm und den Kolleginnen in der Geschäftsstelle stellte ich nun alles Nötige für das Seminar auf die Beine. Verständlicherweise war ich nervös, als der Termin des Projektes Anfang Juli 2009 gekommen war, doch dank der Hilfe meiner Kolleginnen wurde das Projekt ein Erfolg. Nach einer Einführung am Freitag wurde den ganzen Samstag über die Kunst aufgesucht. Es kam zu spannenden Diskussionen, ich war überrascht, wie gut das Zusammenspiel von Studenten und FSJ’ler von statten ging. Am Sonntag dann folgte die Auswertung und die Diskussion mit dem Kurator der Ausstellung, Jan Hoet.

fsj_projekt_2008
Mit Jan Hoet kam es zu spannenden Diskussionen in der Abschlussrunde des FSJ-Projektes.


Fazit

Rückblickend auf das hinter mir liegende Jahr bin ich vor allem eines: Glücklich!
Ich bin glücklich, etwas so Großes wie COLOSSAL miterlebt zu haben. Man sieht erst hinter den Kulissen, was dort alles für ein kulturelles Ereignis geleistet wird!

Ich bin glücklich, dass mich dieses Jahr in so vielen Dingen weitergebracht hat. Die Idee, Kunst zu studieren, habe ich zumindest teilweise hinter mir gelassen, ich werde ab Oktober 2009 in Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studieren. Erst mein FSJ Kultur hat mich darauf gebracht! Außerdem hat dieses mich erwachsener werden lassen.

Ich bin glücklich, dass ich auf den Seminaren Menschen kennen gelernt und Freundschaften geknüpft habe.

Ich bin glücklich, dass ich ein Jahr lang mit so großartigen Menschen zusammenarbeiten durfte.
Ich bin glücklich, dass sie mich trotz meiner Schwächen ausgehalten, an mich geglaubt und mir geholfen haben, besser zu werden.
Ich bin glücklich dass sie mich auch in mancher Durststrecke und Sinnkrise immer wieder motiviert haben.

Es war ein anstrengendes, aber lohnendes Jahr für mich. Ich habe einiges über mich herausgefunden, bin an den Anstrengungen gewachsen und habe viele wichtige Erfahrungen mit auf meinen weiteren Lebensweg genommen.

So weiß ich jetzt, dass ich Kulturwissenschaften studieren will und auch warum, nämlich weil mir mein Jahr in diesem Sektor gezeigt hat, wie spannend und interessant, aber auch wichtig die Kulturarbeit ist.

Francisco Vogel im August 2009


LVO als Einsatzstelle für ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur

Was der Landschaftsverband Osnabrücker Land ist und macht, erfahrt ihr, wenn ihr diese Homepage aufmerksam studiert. Aber warum bewerben wir uns als Einsatzstelle für das FSJ Kultur?
Natürlich können wir immer Unterstützung brauchen. Und wir sind neugierig auf neue Kolleg/innen, auf junge Menschen, auf neue Ideen.

Was bringt euch ein FSJ Kultur bei uns?

  • Ihr schaut hinter die Kulissen eines Kulturbetriebes.

  • Ihr entdeckt, wie Kulturverwaltung läuft.

  • Ihr erlebt, wie einzelne Kulturprojekte geplant, finanziert, realisiert und abgewickelt werden.

  • Ihr führt selbst ein Projekt durch.

  • Ihr spielt mit bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

  • Ihr nehmt an interessanten Gesprächen und Sitzungen teil.

  • Ihr helft mit, wenn andere Kulturförderung benötigen.

  • Ihr müsst kopieren, Kaffee kochen, Botengänge und Ablage machen.

  • Ihr dürft jede Menge Kuchen essen, Anekdoten von früher anhören, über eure Wochenenden erzählen, eure Lieblingsmusik vorspielen.

  • Ihr wachst über euch selbst hinaus.

Und ganz wichtig: Mit uns könnt ihr über alles reden!


Fragen zum FSJ Kultur

Fragen zum FSJ Kultur beim Landschaftsverband Osnabrücker Land beantwortet die Personalsachbearbeiterin, Frau Petra Gieseke, T 0 54 03 / 7 24 55-13.


 
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