Deutliches Zeichen gegen rechtes Gedankengut  
 
27. Januar 2020 | Eva-Maria Westermann (c) Gabriele JanzWar es die 75. Wiederkehr der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz oder der Wunsch, in Zeiten zunehmenden rechten Gedankengutes mit ihrer Anwesenheit ein Zeichen zu setzen? Weit über 200 Menschen folgten am 27. Januar der Einladung des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e. V. (LVO) und kamen zur zentralen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus auf den Osnabrücker Marktplatz.

"Wir brauchen die Demokratie"

Die Osnabrücker Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann begrüßte die Anwesenden und erinnerte sogleich eindringlich an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1045. Der Name des Lagers wurde zum Inbegriff der Shoah und zum Inbegriff der Menschenverachtung in Form einer staatlich gelenkten Tötungsindustrie.
Westermann gab zu bedenken, dass Zahlen und Daten helfen könnten, Zeitläufte zu strukturieren. Sie ersetzten jedoch keine überzeitliche Gedenkarbeit: „Wir wollen in Frieden leben und doch haben Hass, Gewalt und Ausgrenzung traurige Aktualität." Die derzeitige Entwicklung mit antisemitischen Übergriffen, offenem und verstecktem Fremdenhass, nationalistischem Gebaren und einer sinkenden Schwelle an Gewaltbereitschaft seien real und erschütternd, führte Westermann aus und betonte dann mit den Worten des Bundespräsidenten: „Wir brauchen die Demokratie – aber ich glaube: Derzeit braucht die Demokratie vor allem uns!" Ein zentraler Weg zu bleibender Demokratie und Frieden sei laut Westermann die Bildung „als Feld des verstandesgemäßen Abwägens, des Erlernens und Erfahrens von Formen der kulturellen Offenheit und der Einübung von gewaltloser Auseinandersetzung." Schulen, Gedenkstätten, aber auch Elternhäuser seien hier gefordert. Stadt und Region Osnabrück fühlten sich in besonderem Maße dem Frieden und der Toleranz verpflichtet und belegten dies mit ihrem Engagement.
Im Anschluss an ihre Ansprache legte die Bürgermeisterin gemeinsam mit Landrätin Anna Kebschull einen Kranz vor der Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus nieder. Vor ihnen hatten dort bereits andere Institutionen und Bürger*innen Blumenschmuck abgelegt.27. Januar 2020 | Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann und Landrätin Anna Kebschull (c) Gabriele Janz
Osnabrücks Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann (vorn) und Landrätin Anna Kebschull bei der Kranzniederlegung vor der Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus.
 
Foto: Gabriele Janz, LVO

Totenklage und Kaddisch

Nach der Kranzniederlegung folgte die Trauerzeremonie der Jüdischen Gemeinde Osnabrück. Die Totenklage wurde von ihrem Vorsitzenden Michael Grünberg vorgetragen. Auch das Kaddisch konnte gesprochen werden, da den jüdischen Regeln zufolge ein Minjan (zehn erwachsene jüdische Männer) anwesend waren. Kantor Baruch Chauskin gemahnte in diesem auf Aramäisch gesungenen Gebet an die Verfolgung und Tötung von sechs Millionen Juden, unter anderem im Konzentrationslager Riga, wohin die meisten der Osnabrücker Juden deportiert worden waren.27: Januar 2020 | Kantor Baruch Chauskin (c) Gabriele Janz
Baruch Chauskin, Kantor der jüdischen Gemeinde Osnabrück, trug eindrucksvoll das Kaddisch vor.

Foto: Gabriele Janz, LVO

Bei rassistischen Äußerungen nicht ruhig bleiben

Auch die Osnabrücker Roma und Sinti litten unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Daran erinnerte Johnny Böhmer, stellvertretender Geschäftsführer der Beratungsstelle für Sinti und Roma in Niedersachsen. Sein Vater Manfred Böhmer habe ihm in zahllosen persönlichen Geschichten vom Leid seiner Familie erzählt. Nun müsse seine Familie wieder Sorge haben, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Man wisse nicht, was passieren könne. Böhmer appellierte an die Anwesenden, bei rassistischen Äußerungen nicht ruhig zu bleiben, sondern aufzustehen. „Wir müssen uns dagegen wehren, dass diese Ideologie jemals wieder in diesem Land wohnt." Weiter zollte Böhmer – wie auch zuvor Westermann – seinem im Sommer verstorbenen Vater gegenüber großen Dank für seine Erinnerungsarbeit. Die Familie Böhmer lebe jetzt in der fünften Generation in Osnabrück und sei dankbar, ein Teil dieser Stadt zu sein. Böhmer schloss seine Ausführungen mit einem Gebet.27. Januar 2020 | Johnny Böhmer (c) Gabriele Janz
Johnny Böhmer erinnerte genauso eindringlich wie früher sein Vater an das Schicksal der Osnabrücker Sinti während der Zeit des Nationalsozialismus.

Foto: Gabriele Janz, LVO


Kranzniederlegung vor der Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus unter den Sinti

Auch vor der Gedenktafel für die Opfer unter den Sinti legten Westermann und Kebschull einen Kranz nieder; und auch hier hatten bereits weitere Teilnehmer*innen der Gedenkfeier die Opfer mit Blumengrüßen geehrt.27. Januar 2020 | Blumengrüße an der Gedenktafel für die Sinti-Opfer (c) Gabriele Janz